Hallgrímur Helgason - Eine Frau bei 1000°

"Zu jener Zeit war Schweigen eine der tragenden Säulen isländischer Kultur. (...) Das war verständlich, denn damals krochen wir gerade erst aus einer tausendjährigend Lebensweise des Schweigens zu Wasser und zu Lande hervor, bei deren Plackerei Worte überflüssig waren. Genau das ist doch der Grund, warum sich Isländisch in tausend Jahren nicht verändert hat: Wir haben es fast nicht benutzt." S. 68

Verlag: dtv
Seiten: 400
Originaltitel: Konan við 1000°

Warum dieses Buch: Ich habe es von einer lieben Freundin geschenkt bekommen, die ich vor ungefähr 1000 Jahren im Isländischkurs kennen gerlent habe :) Und wir mögen Helgason.

Das sagt der Klappentext: EIN HEISSES LEBEN
Herbjörg ist achtzig Jahre alt und bester Dinge. Angesichts ihres nahen Todes hat sie nicht nur ihre eigene Einäscherung organisiert, sondern auch ihre Memoiren niedergeschrieben. Neun Männer, drei Söhne - keine schlechte Bilanz. Sie hat die Welt bereist, jetzt kommt die Welt über den Bildschirm zu ihr. In ihrer gemütlichen Garage surft sie auf den Spuren ihres bewegten Lebens und begleicht letzte Rechnungen...
Eine Gesellschaftskomödie à la Helgason: rabenschwarz, ironisch, süffig.

Das sage ich: Ich möchte mich wieder einmal auf den Klappentext beziehen, der dieses Buch als "Gesellschaftskomödie" tituliert. Trotz des ergänzenden Attributs "rabenschwarz" habe ich nicht damit gerechnet, dass mich diese Komödie stellenweise so richtig deprimieren würde...

Aber jetzt der Reihe nach:
In Eine Frau bei 1000° lässt die achtzigjährige, bettlägrige Isländerin Herbjörg ihr Leben Revue passieren. Ihre Erzählung folgt zwar einer gewissen Reihenfolge, ist aber nicht chronologisch und von Kapitel zu Kapitel hüpft man zwischen Gegenwart und verschiedenen Punkten in der Vergangenheit herum. Um diesem Gehüpfe besser folgen zu können, steht am Anfang jedes Kapitels die Jahreszahl in der das Folgende spielen wird.

Irgendwie wäre es für mich einfacher, jedes Kapitel einzeln zu bewerten, als das Buch im Gesamten. Die einzelnen Kapitel haben in mir so unterschiedliche Reaktionen ausgelöst, dass es mir schwerfällt zu einem Schluss zu kommen.
Einige Kapitel waren richtig spannend. Oft finden sich interessante und wunderbar ironische Abhandlungen über diverse geschichtliche Ereignisse oder Länder, hier natürlich hauptsächlich über Island. Besonders gut gefallen haben mir die Kapitel, die aus der Kindheit der Erzählerin und ihrer Zeit in Dänemark berichten. Spannend waren für mich vor allem die Erzählungen aus dem zweiten Weltkrieg.

Andere Kapitel waren eher langweilig und teilweise eher verwirrend. Das erwähnte Hin- und Hergehopse in der Zeit steigert die Verwirrung dann noch zuzsätzlich. Aber eigentlich ist sie schon ein schönes Stilmittel...
Durch den größten Teil des Buches zieht sich diese (mal mehr und mal weniger unterschwellige) Verbitterung der Erzählerin. Vor allem in den Kapiteln aus der Gegenwart schaukelt sich diese Verbitterung dermaßen hoch, dass das was am Anfang noch charmant war irgendwann zu nerven beginnt. Das Buch ist dafür einfach zu lang.

Was mir so gar nicht gefallen mochte war, wie mit dem Thema Vergewaltigung umgegangen wird. Irgendwie habe ich das Gefühl diese Geschehnisse werden durch die Distanz der Erzählerin und die Ironie des Autors (obwohl wir sie noch so sehr lieben!) bagatellisiert. Ich muss aber gestehen, ich weiß nicht, wie man es besser hätte machen können. Ein weinerliches herumlamentieren einer Achtzigjährigen über die schlimmen Erlebnisse im zweiten Weltkrieg wären wohl kaum so unterhaltsam zu lesen gewesen wie Eine Frau bei 1000°.

Wie bewerte ich nun aber das Buch als Gesamtwerk? Auf jeden Fall ist es charmant geschrieben und es wird deutlich, was ich in letzter Zeit beim Lesen oft vermisse: Der Autor hat sich Mühe gegeben und nachgedacht anstatt einfach drauflos zu schreiben.
Die teilweise harten Ausdrücke passen wunderbar zur Handlung und es finden sich ganz großartige Sprachspiele auf diesen 400 Seiten.
Das ist schon sehr viel Positives, letztendlich häufen sich aber auch negative Aspekte und im Endeffekt konnte mich das Buch nicht zu hundert Prozent fesseln. Ich drücke nochmal ein Auge zu und gebe vier Hütchen.


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