Leo Hickman - A life stripped bare. my year trying to live ethically

"Splat! Rat juice squelches out from underneath the spade and spills on to the garden decking." (S.237)

Verlag: Eden Project Books
Seiten: 343

Warum dieses Buch: Tief in meinem Inneren bin ich doch eine Öko-Tussi, die sich auf ein paar Tipps und Tricks gefreut hat. Ich hab mir das Buch vor Jahren mal zu Weihnachten gewunschen, aber irgendwie im Regal vergessen...

Das sagt der Klappentext: How often in life does convenience triumph over 'Doing the right thing"
Can you really make a difference?
What does "ethical living" mean, anyway?
Over the course of a year, Leo set out to answer some big questions with an unusual experiment. Could he and his family continue to live a "normal" life - job, mortgage, kids, holidays - while at the same time making each daily choice or decision an "ethical" one - for the family, their neighbours, and the environment.
This, the story of that year, is a record of an extraordinary transformation. Amid the pitfalls and confusion, Leo's account is funny, inspirtional and a mine of information for the curious. Who knows? It might change your life too.

Das sage ich: Nunja. Zu anfangs habe ich den lustigen Ton tatsächlich noch wahrgenommen und war sogar ein bisschen begeistert... Von Seite zu Seite hat diese Begeisterung dann leider nachgelassen.

Völlig umgeschlagen ist meine Stimmung, als der ewig jammernde Autor viel zu detailliert beschreibt, wie er eine Ratte tötet. Seitenweise hat er vorher beschrieben, dass das Um und Auf des ethischen Lebensstils es ist, ein guter Mensch zu sein und auch mit seiner unmittelbaren Umwelt gut umzugehen. Dann hat er aufgrund seines bescheuerten Wurmkomposts plötzlich Ratten im Garten und irgendwann eine im Haus. Nicht falsch verstehen. Ich verstehe, dass (wilde) Ratten im Haus nichts verloren haben und dass man, wenn man ein Kind hat, nicht zimperlich sein darf und das Wohl des Kindes über das der Ratte stellen muss. Es kann schon mal passieren, dass man versucht ethisch zu leben und dann - sozusagen versehentlich - eine Spinne tötet. Weil man einen schwachen Moment hat, in dem man sie als besonders hässlich empfindet oder sich erschreckt, oder was weiß ich. Kann auch Öko-Tussis passieren. Aber dann schreibt man das nicht in ein Buch, sondern verschweigt es geflissentlich und schämt sich gebührend dafür. Mr. Hickman sieht das aber anders. Zwar hat er erst Skrupel, bevor er die zuvor durch eine Klebefalle wehrlos gemachte Ratte mit einer Schaufel erschlägt, aber das hält ihn nicht davon ab, diese Tat - für meinen Geschmack - viel  zu detailliert zu beschreiben. Ich empfand es als Dreistigkeit, auch noch den Satz, der eigentlich dazu dienen soll sein Vorgehen zu erklären mit "life is about being nice and caring" (S. 237) zu beginnen.
Wenn man auch über das Vorgehen an sich streiten kann, für meinen Geschmack hat diese Episode den Ton des Buches kippen lassen. Danach sind mir die "Ungereimtheiten" und die Selbstgerechtigkeit zwischen den Zeilen noch mehr ins Auge gestochen.

Leider hat das Buch sonst auch einige Punkte, die ich als Schwachstellen empfunden habe, und die mich beim Lesen einfach gestört haben. So mag ich es zum Beispiel gar nicht, wenn typische Männer/Frauen Klischees bedient werden. Die finden sich hier zur Genüge, wenn es um Leos Frau geht, die anscheinend gar nicht so viel von diesem Experiment hält. (Da frage ich mich ja schon von Anfang an: Warum zieht er sie da mit hinein?) Es ist eine Sache, wenn seine Frau gerne Kleidung kauft, aber das dann unentwegt als typisch weiblich zu charakterisieren bringt mich einfach auf die Palme. Denn genau so werden solche Eigenschaften typisch weiblich. Weil es Kindern von klein auf eingetrichtert wird, dass man als Frau so gerne Schuhe kauft und als Mann lieber Fußball schaut. Brah.

Bleiben wir gleich bei diesem Thema: Meines Wissens heiratet man in England immer noch hauptsächlich aus Liebe. Man bekommt auch tendentiell keine Kinder, wenn man nicht möchte, dass die Beziehung hält. Warum, um alles in der Welt, beschreibt Mr. Hickman seine Frau dann so unglaublich unsympathisch? Er stellt sie unflexibel, eingebildet und langweilig dar. Da sie sich aber anscheinend deshalb nicht von ihm trennt, muss sie doch eigentlich eine ganz, ganz tolle Frau sein.
Als Beispiel für die letzten beiden Punkte sei hier nur kurz zitiert: "because if I don't manage to express exactly the right order of compliments, in the exactly right tone (...) the shopping trip will invariably end with a full-blown domestic on the pavement outside Hobbs or wherever (...)" S. 314

Generell finde ich, dass es der Autor ist, der im Laufe des Buches immer unsympathischer wirkt. Obwohl er noch betont, dass er eben nicht so werden will, wie einige seiner Leser (er bringt immer wieder Beispiele aus Leserbriefen), die andere bekehren wollen, tut er es durch die Interaktion mit seiner Familie aber doch. Da hilft es auch nicht, dass er im Nachwort eingesteht, dass er das Experiment im Bezug auf seine Familie anders hätte angehen sollen. Außerdem empfand ich es als störend, dass der Autor nicht müde wird, zu betonen, dass er hier den durschnittlichen Mittelklasseengländer repräsentiert. Das wirkte aufgesetzt und anstrengend. Wozu sich den ganzen Stress eines ethischen Lebens antun, wenn man davon nicht überzeugt ist? Um möglichst viel rumnölen zu können vielleicht..

Ich persönlich mag es übrigens auch nicht, wenn Menschen so tun, als wäre es UNMÖGLICH bei einer Mahlzeit kein Fleisch zu servieren. Aber das ist eine andere Geschichte, wenn ich die hier auch noch ausbreite sprengt die Rezension den Blog. Für mich war dieses Bekenntnis allerdings ein weiterer Tropfen in dem Fass, das eigentlich schon nach der Ratten-Geschichte übergelaufen war.


Es gibt aber auch ein paar Sachen, die ich tatsächlich von dem Buch mitnehmen kann. Ich als politisch und wirtschaftlich nur unterdurchschnittlich Interessierte, hätte tatsächlich nicht daran gedacht, dass die Bank, bei der ich mein Geld habe, mit diesem Geld in zweifelhafte Geschäfte (Waffen, Atomkraft, wasweißichnochalles) investiert. Ich hätte auch nicht daran gedacht, der Firma, die die Obstkisten liefert, einen Besuch abzsutatten. Das alles ändert leider trotzdem nichts daran, dass mich das Buch - wenn es mich nicht gerade aufgeregt hat - eher langweilte. Nicht umsonst habe ich fast über einen Monat an diesen mickrigen 300 Seiten gelesen...
Ich verschone euch jetzt lieber mit weiterem Blabla und gebe diesem Buch nur einen Hut...



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