Christoph Marzi - Lycidas. Die Uralte Metropole

„Dorthin, wo jeden Tag eine alte Dame des Weges kam und lange beim Engel verweilte, um seiner Musik zu lauschen. Ihre alten Füße wippten im beschwingten Takt der Musik, und ihre alten Augen bekamen ein Glänzen, das sie nicht mehr gehabt hatten, seitdem das Herz des Mannes stehen geblieben war, mit dem sie zweiundsechzig Jahre verheiratet gewesen war“ (S.478)


Verlag: Heyne
Seiten: 864

Das sagt der Klappentext: 
Als Emily mitten in der Nacht Besuch von einer sprechenden Ratte erhält, bleibt ihr kaum Zeit, sich darüber zu wundern. Plötzlich ist die junge Waise dem Geheimnis ihrer Herkunft auf der Spur, sie lernt den mürrischen Alchemisten Wittgenstein kennen und hat alle Hände voll zu tun, Wittgenstein, sich und ihre kleine Schwester vor Wölfen und anderen gefährlichen Wesen zu retten. Denn in London, der Stadt der Nebel, ist nichts wie es scheint...

Das sage ich:
Bevor ich mich in Lobeshymnen ergieße muss ich feststellen, dass Lycidas der erste Teil einer Reihe ist, deren Konzept mich sehr verwirrt hat. Ich bin immer noch nicht sicher, ob ich das ganz richtig durchblickt habe, aber folgendes ist das Ergebnis meiner bisherigen Recherche: Lycidas ist das erste von bisher drei erschienenen Büchern der Reihe Die uralte Metropole. Lycidas hat 864 Seiten und besteht aus drei Teilen: "1. Buch - Lycidas", "2. Buch - Lillith" "3. Buch - Licht" . Verwirrenderweise heißt der zweite Teil der Reihe mit wiederum ca. 600 Seiten Lillith, also genauso wie das zweite Buch im ersten Teil. Der dritte Teil heißt allerdings Lumen, also ein wenig anders als das dritte Buch im ersten Teil. Ich war also erst etwas besorgt, weil es ja auch drei Ausgaben mit unterschiedlichen Covern (und Titeln?) oder sonst etwas mysteriöses hätte sein können. Ich fand es recht schwer herauszufinden, was es mit der Buchreihe auf sich hat, weil ich vermeiden wollte mir durch Spoiler das Lesevergnügen zu verderben >:[
Na gut, genug Verwirrung gestiftet jetzt.

Witzigerweise habe ich das Buch spontan aufgrund der Covergestaltung gekauft, mir war nach etwas Witzigem und eher Leichtem zumute und das Mädchen auf dem Cover wirkt ja einfach wirklich nicht düster und gruselig. Aber weit gefehlt. So schön ich das Cover finde, so wenig passt es meiner Meinung nach zu dem Roman. Zu allem Überfluss hat Emily, die Protagonistin, außerdem rote Haare, was mich bei jeder Erwähnung völlig aus dem Konzept gebracht hat, denn das Mädchen auf dem Cover ist schwarzhaarig.

Nun aber genug gelästert, denn das Buch selber war der Hammer. Es spielt in einer düsteren Atmosphäre, stets im Winter, und dazu noch in London! Es gibt intertextuelle Bezüge zu so vielen Schriftstellern und Werken, die mich begeistern, zum Beispiel zu Charles Dickens, um nur einen zu nennen. Meine Güte, ich wünsche diesem Buch so viel Aufmerksamkeit wie es den Harry Potter Büchern zuteil geworden ist.
Wie in Harry Potter spielt auch hier ein Kind die Hauptrolle, das (darauf bin ich bei meinen Recherchen gestoßen, auch wenn ich versucht habe nur wenig über den Inhalt der anderen Teile zu erfahren) im Laufe der (bisherigen) Trilogie immer älter wird.

Ich glaube es ist besser, wenn man ab hier nur weiter liest, wenn man nichts gegen Spoiler hat! Falls man gerade mitten im Lesen ist empfehle ich ausdrücklich hier NICHT weiter zu lesen :) 



In Lycidas wird die Geschichte nicht, wie es in vielen Werken dieses Genres ja der Fall ist, von einem allwissenden Erzähler von A bis Z erzählt. Es ist Wittgenstein, der Mentor Emilys, der die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt. Dabei wird berücksichtigt, dass er eben nicht alles wissen kann, aber sehr wohl einiges erzählt bekommen hat. Außerdem finden sich diverse Zeitsprünge die gezielt die Spannung aufbauen und an den richtigen Stellen steigern!
Apropos Spannung! Spannung ist vorhanden. Oh ja! Und gerade als man sich in Sicherheit wiegt passiert plötzlich etwas Unerwartetes! Eine Hauptfigur stirbt! Wusch! Jemand wird Blind! Bamm! Puh....

Auf Amazon (ich glaube es dort gelesen zu haben) wurde Lycidas als Buch für alle Altersklassen betitelt. Sicher kann es auch als Jugendbuch durchgehen, aber ich finde schon, dass einiges an Gemetzel und monsterartigen Mutantengeistern vielleicht nichts für zu zart besaitete Gemüte sein könnte... Ich bin ein Fan davon und habe mich an den würmerfressenden Schuppenratten erfreut... trotzdem sei es gesagt!

So viel zu den positiven Seiten des großartigen Romans. Kurz möchte ich aber auch anmerken, dass mir ein, zwei Dinge auch negativ aufgefallen sind, weshalb ich dem Buch trotz allem nur vier Hexenhüte geben werde... Zum Beispiel sind recht viele Tipp- und Rechtschreibfehler übersehen worden. Einmal wurden sogar Namen vertauscht, ich war kurzzeitig sehr verwirrt...
Was mich aber noch mehr gestört hat war, dass die Figuren ab und an ein weeenig übertrieben unrealistisch reagiert haben. Dass es im Fantasy Genre fantastisch zugeht und Tote wieder zum Leben erweckt werden können und dgl. ist nicht verwunderlich und auch gut so. Aber dass ein Kind (das zur einen Hälfte Mensch und zur anderen auch nur Elf ist und kein Superheld!) etwa einen Tag nachdem es VOLLSTÄNDIG ERBLINDET ist, mal einfach so in einem Labyrinth aus steinigen Tunneln spazieren geht, in dem es vor überlebensgroßen Insekten, riesenhaften schuppigen Ratten und überdimensionalen Lehmmonstern nur so wimmelt, ist doch ein klein wenig verstörend. Nein. Der Punkt hat mich sehr verstört.
Außerdem habe ich nicht ganz gecheckt, wieso sich Lycidas, der doch ein Engel ist, einfach so umringen kann, und Rahel, der doch bitte auch ein Engel war, muss sich mühsam Hilfe bei Leuten suchen, mit denen er normalerweise nicht einmal redet...
Also in sich ein paar logische Schwierigkeiten, über die ich persönlich ganz gut wegsehen konnte, weil mich die Atmosphäre einfach sehr mitgerissen hat.

Alles in allem also vier Hexenhüte für Lycidas



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